Im ICE nach Berlin – ich war auf dem Weg ins Wellenwerk, surfen – hab ich ein Buch aufgeschlagen, das ich für mein Ehrenamt im ICF-Vorstand bekommen hatte: „Positive Provokation im Coaching" von Robert Biswas-Diener, einem amerikanischen Positive-Psychologie-Forscher. Das Prinzip: bekannte Aussagen hinterfragen, um sie schärfer zu verstehen. Schon im Vorwort kommt die erste – ein Satz, den ich selbst oft gehört habe: Therapie richtet sich in die Vergangenheit, Coaching in die Zukunft.
Stimmt das? Nicht ganz. Und das hat mich auf dem Weg nach Berlin eine Weile beschäftigt.
Vergangenheit ist nicht gleich Vergangenheit
Ja, es gibt Therapieformen, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Die Psychoanalyse. Der Therapeut interviewt dich über deine Kindheit, sucht nach Mustern, gräbt nach dem, was damals schiefgelaufen ist. Über viele Sitzungen. Ich hatte immer eine gewisse Abneigung dagegen – nicht weil ich sie grundsätzlich ablehne, sondern weil mir nie so ganz klar war, was diese Analyse konkret bewirken soll. Was ändert sich dadurch? Wie führt das Verstehen der Vergangenheit zu einer Verbesserung heute? Für mich persönlich hat das nie so recht eingeleuchtet. Deshalb zieht es mich zu Ansätzen, die anders arbeiten.
Aber Coaching schaut auch zurück. Beim Solution-Focused Ansatz, den ich selbst mache, fragen wir zum Beispiel: Was hat zwischen der letzten und dieser Session schon besser funktioniert? Wo gab es kleine Ausnahmen – Momente, in denen das Problem nicht da war oder kleiner war? Das sind Fragen in die Vergangenheit.
Der Unterschied: In der Psychoanalyse wird die Vergangenheit analysiert, um zu verstehen, was schiefgelaufen ist. Im Solution Focus wird die Vergangenheit genutzt, um zu entdecken, was schon funktioniert – und um von dort abzuspringen. Nicht „Was hat dich geformt?" sondern „Was hat schon geholfen?"
Das fühlt sich in einer Session ganz anders an. Statt in alten Geschichten zu graben, sucht man gemeinsam nach Momenten, die Kraft geben. Es geht darum, welche Geschichten man erzählt – die, die einen schwächen, oder die, die einen stärken. Das ist kein Verdrängen. Es ist eine bewusste Wahl worüber man in seiner kostbaren Zeit nachdenkt.
Das gilt übrigens nicht für alle Coaching-Ansätze. Manche arbeiten durchaus analytischer – ähnlich wie die Psychoanalyse. Solution Focus ist einer der Ansätze, der das bewusst nicht tut – und das ist einer der Gründe, warum ich mich für ihn entschieden habe 😉. Also achte bei der Coach-Auswahl auch darauf, wie mit der Vergangenheit umgegangen wird.
Der Unterschied liegt also nicht im Zeitraum, den man betrachtet. Sondern wie man ihn betrachtet.
Zukunft ist auch nicht gleich Zukunft
Auch hier gefällt es mir, dass wir im Solution-Focus-Coaching ein konkretes, detailliertes Bild der gewünschten Zukunft bauen. Nicht vage („ich will weniger Stress") – sondern so lebendig, dass du schon während der Session anfängst, darin zu leben. Was ist da anders? Woran erkennst du es? Was machst du konkret anders? Wer ist dabei und wie reagieren die anderen?
Je klarer dieses Bild wird, desto leichter erkennst du die kleinen Dinge, die dich dahin führen. Und dann geht es darum, den nächsten kleinen Schritt zu identifizieren – nicht den großen Sprung, sondern das, was du heute oder morgen schon umsetzen kannst.
Aber auch das ist kein exklusives Merkmal von Coaching. Die Verhaltenstherapie (ein anderer Therapieansatz) schaut genauso in die Zukunft – sie fragt, welches Verhalten jemand stattdessen haben will. Angst vor Spinnen? Was soll da sein – Neugier, Entspannung? Und dann wird genau das systematisch trainiert. Auch Therapie arbeitet an der gewünschten Zukunft.
Interessant übrigens: Solution Focus selbst kommt ursprünglich aus der Familientherapie – entwickelt von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Es wurde später für Coaching übernommen. Die Grenze zwischen den Feldern ist also schon von Anfang an durchlässig gewesen.
Die Formel taugt also in beide Richtungen auch nicht als klares Unterscheidungsmerkmal.
Die echte Grenze: klinisch oder nicht
Wenn weder Vergangenheit noch Zukunft den Unterschied macht – was dann?
Die Grenze liegt dort, wo es klinisch wird. Suizidgedanken, Selbstgefährdung, Schizophrenie, schwere Depressionen – das ist das Gebiet von Therapeuten und Psychiatern. Nur sie dürfen Krankheiten diagnostizieren. Nur Psychiater dürfen Medikamente verschreiben.
Dabei ist der Unterschied zwischen Psychiater und Psychotherapeut selbst noch mal wichtig: Ein Psychiater ist Arzt mit Facharztausbildung – er kann körperliche und psychische Erkrankungen behandeln und Medikamente verschreiben. Ein Psychotherapeut hat Psychologie studiert und eine Therapieausbildung gemacht – er bietet Gesprächstherapie an, darf aber keine Medikamente verschreiben. Beide arbeiten mit klinischen Erkrankungen. Und das wird, vorausgesetzt man findet einen Platz, von der Krankenkasse übernommen.
Coaching ist da anders – und das ist keine Schwäche. Coaching ist eher wie ein Fitnessstudio: Du gehst dort hin, weil du gesünder, stärker oder ausdauernder werden willst. Nicht weil du krank bist. Niemand erwartet, dass die Krankenkasse dein Sportstudio bezahlt – weil es keine Behandlung ist, sondern eine Investition in dich. Das trägst du selbst. Und das macht Sinn.
Du musst nicht krank sein, um Hilfe zu holen
Und dann ist da noch eine Frage, die mich generell beschäftigt: Muss man eigentlich erst krank sein, bevor man sich Unterstützung holt?
Ein Läufer, der fit ist und einen Halbmarathon machen will, geht nicht zum Arzt weil er krank ist. Er holt sich einen Trainer. Weil er von dort, wo er ist, besser werden will.
Coaching funktioniert genauso. Du musst nicht „am Ende" sein, um es sinnvoll zu nutzen. Du kannst schon gut sein und einfach besser werden wollen. Und wenn man sich frühzeitig um kleinere Dinge kümmert – ein Thema, das einen ein bisschen beschäftigt, noch bevor es zu einem großen Problem wird – dann muss es gar nicht erst so weit kommen. Viele Burnouts entstehen nicht über Nacht. Sie entstehen, weil man zu lange gewartet hat.
Wenn die Last irgendwann doch zu groß wird – echte Erschöpfung, Angststörungen, mehr – dann ist ein Therapeut oder Psychiater der richtige Schritt. Das sollte man nicht zu lange hinauszögern. Und manchmal braucht es beides: Therapie und Coaching gleichzeitig oder nacheinander. Oder eben nur Coaching bevor es zu spät ist. Es schließt sich nicht aus.
Und bis dahin ist die Frage: Wofür willst du besser werden?
Und noch etwas, das mir wichtig ist: Sich Unterstützung zu holen – egal ob Therapie oder Coaching – ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein – und dass man selbst etwas bewegen will.
Ich selbst habe früher auch nicht gerne nach Hilfe gefragt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste alles alleine lösen – als wäre es eine Niederlage, wenn ich mir jemanden hole. Heute sehe ich das anders. Wer früh fragt, kommt früher weiter. Und das wünsche ich mir für jeden, der gerade noch zögert.